Gründen will gelernt sein – Was bei Start-ups alles schief gehen kann


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Viele Menschen träumen davon, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Doch nur wenigen gelingt es, sich zu etablieren. Hier reden Unternehmer offen darüber, welche Fehler ihnen als Gründer unterliefen.
"Himmel, was habe ich nicht alles für Fehler gemacht!"

Mirko Kaminski, Gründer und CEO, Kommunikationsagentur achtung!

- Unternehmertum kann man nicht an der Uni lernen, es ist Learning by Doing

- Ich selbst habe viel Geld für meine Irrtümer und Schwächen zahlen müssen

- Man kann das Fehlerrisiko eindämmen, wenn man sich seinen Defiziten stellt


Was mag ich für all die Fehler bezahlt haben, die ich seit 2001 als Unternehmer gemacht habe, weil ich es nicht besser wusste? 500.000 Euro? Eine Million? Ich denke, der Schaden ist noch höher gewesen. Ich kann es nicht beziffern. Sicher ist: Es ist ein schmerzhaftes Lehrgeld gewesen. Und sicher ist auch: Gäbe es einen Kurs oder eine mehrjährige Seminarreihe, die einen zum besseren Unternehmer machten, ich hätte das Angebot angenommen. Selbst wenn die Gebühren noch so hoch gewesen wären.

Ein solches Angebot aber gibt es nicht. Man lernt Unternehmertum eben nicht an der Uni oder an der Volkshochschule. Das geht auch gar nicht, denn Unternehmertum ist komplex. So komplex, dass ein Kurs gar nicht auf alle Situationen, Probleme und Anforderungen eingehen könnte, die einem Unternehmer permanent begegnen. Vor allem aber ist Unternehmertum etwas sehr Persönliches.


Wie man als Unternehmer ist und agiert, das hängt von den eigenen Interessen, Werten, aber auch von den eigenen Stärken und Schwächen ab. Der eine ist ein guter Unternehmer, weil er (oder sie) sich nicht scheut, Risiken einzugehen. Der andere ist ein toller Unternehmer, weil er ein guter Anführer ist, andere motivieren und mitnehmen kann. Wieder ein anderer Unternehmer ist erfolgreich, weil er gute Ideen hat und womöglich ein sensationeller Verkäufer ist.


Der entscheidende Punkt ist aber: Niemand ist in allem richtig gut. Ich formuliere das auch gern so: Wo Berge sind – das meint die Stärken –, da sind immer auch allerhand Täler (also Schwächen). Man könnte auch sagen, dass hohe Gipfel zwangsläufig tiefe Täler mit sich bringen.


Eine meiner Schwächen: zu viel ins Gegenüber zu projizieren


Eine der großen Herausforderung, denen man sich als Gründer und Unternehmer stellen muss, ist, dass man leider vor allem aus begangenen Fehlern lernen muss. Himmel, was habe ich nicht alles für Fehler gemacht? Ich habe zum Beispiel – als ich am Anfang als Gründer auch für Personal zuständig war – überproportional oft die falschen Leute eingestellt. Das lag schlicht an meiner Schwäche, meine Wünsche und damit viel zu viel in Menschen hineinzuprojizieren. Manchmal habe ich jemanden nach einem nur zehnminütigen Gespräch eingestellt, einfach weil ich gehofft habe, dass er oder sie meine Erwartungen schon erfüllen würde. Das hat uns viel Geld gekostet, denn oft haben die eingestellten Mitarbeiter und Führungskräfte eben doch nicht gepasst und überzeugt.

Eine andere Schwäche: Ich bin zur Harmonie erzogen worden. Das bedeutete lange, dass ich Mitarbeitern kein ehrliches Feedback gegeben habe, weil ich glaubte, es könnte schmerzhaft für sie sein und die Beziehung zwischen uns stören. Natürlich ist das Blödsinn. Und natürlich schadet das mittel- bis langfristig. Solche Mitarbeiter haben dann eben geglaubt, es sei alles bestens, während ich unzufrieden war, das aber nicht artikulieren konnte.

Dass Finanzen und Controlling nicht zu meinen Stärken gehören – diese Erfahrung musste ich ebenfalls machen. Drei, vier Jahre nach Gründung meiner Agentur Achtung! war ich kurzzeitig geschockt, weil ich glaubte, die Firma sei nicht mehr flüssig. Zum Glück erinnerte ich mich irgendwann aber doch noch daran, dass wir einen signifikanten Betrag auf einem Festgeldkonto geparkt hatten.

Noch eines meiner persönlichen Täler gefällig? Das Thema nachhaltige Unternehmensentwicklung ist auch nicht unbedingt mein Ding. Ich habe zwar immer wieder Ideen, die Agentur weiterzuentwickeln. Aber ziemlich rasch fesselt eine ganz neue Idee meine Aufmerksamkeit. Ich habe also gelernt, dass ich jemanden mit langem Atem brauche, der Neues nachhaltig durchzieht.


Den Mut haben, andere um Rat zu fragen


Ein Weg, Fehler zu reduzieren beziehungsweise etwaigen Schaden zu begrenzen, ist, sich bei Menschen Rat zu holen, die es besser können und bestenfalls schon einmal in ähnlichen Situationen gesteckt haben. Für Gründer bedeutet das, sich mit erfahreneren Unternehmern zu vernetzen und sie um ihren Rat zu bitten oder gar nach einem Mentor Ausschau zu halten.

Auch ein Coach kann es sein, der einen in regelmäßigen Terminen berät. Unternehmer investieren zwar intensiv in die Weiterentwicklung der Mitarbeiter, gönnen sich selbst aber nur selten einen Trainer oder persönlichen Berater. Dabei sind solche Treffen verdammt gut investierte Zeit.

Menschen mit Stärken gewinnen, die die eigenen Schwächen relativieren Der Weg, kontinuierlich größere Fehler zu vermeiden, besteht indes vor allem darin, sich ehrlich seiner Schwächen bewusst zu werden. Eine solche Selbstreflexion ist für einen Unternehmer schmerzhaft – das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Gerade wenn die ersten Jahre nach dem Unternehmensstart von Erfolg gekrönt sind und man daher unter Umständen zur Selbstüberschätzung tendiert, fällt es ungeheuer schwer, sich einzugestehen, dass man gerade einmal zwei, drei Sachen sehr gut kann, viel mehr Dinge aber überhaupt nicht. Und dann ist es entscheidend, in Köpfe zu investieren, die Stärken mitbringen und helfen, die eigenen Schwächen zu kompensieren. Wenn man wie ich eher Außenminister und Kreativer ist, braucht man Mitspieler, die stark sind zum Beispiel in Personal, Finanzen, Unternehmensentwicklung und Strategie.

Dazu muss man abgeben und vertrauen können. Als wir in meiner Agentur so um die 20 Leute waren, habe ich analysiert, dass das Gros deutscher Agenturen am Überschreiten der 20-Köpfe-Schwelle scheitert. Der Grund sind nicht fehlende Kunden, sondern meist Gründer oder Geschäftsführer an der Spitze, die nicht abgeben können, niemandem vertrauen, alles kontrollieren wollen und womöglich meinen, alles besser als andere zu können. So wächst man nicht. Ich habe meine Schlüsse daraus gezogen. Meine Agentur beschäftigt heute 160 Mitarbeiter.


Auf die Konstellation kommt es an


Ich möchte daher Gründer ermuntern – sobald dies finanziell möglich ist –, in Menschen zu investieren, die Stärken haben, wo man selbst Schwächen aufweist. Und diesen Köpfen sollte man dann auch vertrauen. Man sollte sie machen lassen. So oder so ist aber grundlegende Voraussetzung, dass man sich seiner Stärken, aber vor allem konsequent seiner Schwächen bewusst wird. Das kann ganz schön wehtun. Es zahlt sich aber nachhaltig aus.




(Quelle: xing.com, 10.12.18)